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Schulabsentismus

Lesezeit: ca. 5 Minuten
Inhaltsverzeichnis

    Erst denkt man: „Bestimmt krank.“ Wenn jemand aber ständig fehlt, kommt schnell: „Der/die hat keine Lust.“ „Schulabsentismus heißt: Jemand fehlt lange oder immer wieder, oft ohne Attest. Und dahinter stecken meist Belastungen, nicht Faulheit, sagt Annette Duve, ärztliche Direktorin der Vitos Kinder- und Jugendklinik für psychische Gesundheit Riedstadt.

     

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    Klinikdirektorin der Vitos Kinder- und Jugendklinik für psychische Gesundheit Riedstadt
    ©Klinikdirektorin der Vitos Kinder- und Jugendklinik für psychische Gesundheit Riedstadt

    Mögliche Gründe, warum jemand häufig fehlt

    Es gibt selten nur eine Ursache. Oft spielen mehrere Dinge gleichzeitig eine Rolle:

    Psychische Belastungen & Angstformen

    1. Schulangst
    Angst vor Dingen in der Schule, z. B.:

    • Mobbing oder Bloßstellen
    • Leistungsdruck
    • Überforderung
    • soziale Phobie (z. B. Angst, beobachtet, bewertet oder ausgelacht zu werden) 

    Wichtig: In diesen Fällen weißt du ganz genau, was dir Angst macht.

    📍 Lena, 12 Jahre alt 
    Lena wird in der Klasse gemobbt und bloßgestellt. Sie bekommt Bauchweh, Panik und will nicht mehr hin. Irgendwann vertraut sie sich ihren Eltern an, die Kontakt zur Lehrerin aufnehmen. Das Thema Mobbing und Ausgrenzung wird mit der Klasse besprochen. Es gibt klare Regeln und Wiedergutmachung.

    ️ Das Mädchen fühlt sich gesehen, unterstützt und geht bald wieder gerne in die Schule.

     

     

    2. Schulphobie (Trennungsangst)
    Diffuse Angst vor der Trennung von Zuhause. Fühlt sich eher an wie: „Ich kann einfach nicht. Ohne klaren Auslöser.
    Schulphobie lässt sich oft schwer in Worte fassen, ist dadurch aber nicht weniger real.

    📍 Tom, 14 Jahre alt 
    Tom war längere Zeit krank und fühlt sich, als habe er den Anschluss verpasst: Im Unterricht kommt er nicht richtig mit, die Pausen verbringt er oft allein. Das macht ihm Sorge. Er schläft schlecht, hat Bauchweh und morgens ein mulmiges Gefühl. Seine Eltern entschuldigen ihn. Aber dadurch, dass er nun öfter fehlt, wird die Hürde, zur Schule zu gehen, immer höher.

    ️ Was ihm geholfen hat, erfährst du weiter unten.

     Wie fühlt sich Angst körperlich an?

    Angst ist nicht „nur im Kopf“, sondern zeigt sich im Körper:
    • Übelkeit 🤢
    • Bauch- oder Kopfschmerzen 🤯
    • Herzrasen ️‍🔥
    • Schwitzen
    • Schlafstörungen
    • Panikgefühle
    Deshalb wird Angst anfangs oft mit Krankheit verwechselt. Bei vielen ist auch nicht die Schule das Schlimme, sondern die Angst vor der Angst: Der Gedanke „Ich muss morgen hin“ kann heftig sein.

     

    Schwänzen mit Freund:innen (selten)

    Manchmal hat häufiges Fehlen auch mit Freunden und Freundinnen zu tun.

    📍 Mia, 13 Jahre alt 
    Mias beste Freundinnen gehen morgens in die Innenstadt anstatt zur Schule. Mia möchte gerne dazugehören und schließt sich ihnen an. Das passiert selten, ist aber auch eine Form von Schulabsentismus.

    ️ Was Mia hilft: Sie spricht mit ihren Eltern und erkennt, dass echte Freundschaft nicht bedeutet, alles mitzumachen.

    💡 Autonomie-Abhängigkeits-Konflikt:
    Du willst selbst entscheiden und gleichzeitig dazugehören: Dieser Spagat ist ganz normal und kann stressig sein. Der Ausweg ist zu unterscheiden: Was fühlt sich gerade blöd an – und was ist trotzdem langfristig wichtig für dich? Denn auch wenn Schule nervt, hilft dir das, was du dort lernst, im Leben weiter.

    Weitere Belastungen können häufiges Fehlen in der Schule verstärken:

    Familiäre Probleme
    Auslöser liegen außerhalb der Schule, z. B.:
    • Streit oder Krisen zu Hause
    • Krankheit in der Familie
    • Verantwortung für Geschwister
    • instabile Wohn- oder Alltagssituationen
    ️ Diese Faktoren können Ängste verstärken oder die Rückkehr erschweren.

    Überforderung oder Neurodivergenz
    Manchmal ist es kein „Nicht-Wollen, sondern ein „Zu-viel“ oder ein „Geht anders“:
    • ADHS
    • Autismus-Spektrum
    • Lernstörungen
    • chronische Erkrankungen
    • starke Schlafprobleme
    ️ Das führt oft zu Stress und Erschöpfung – und macht Schulbesuche schwieriger.

    📦 Was Schulabsentismus NICHT ist
    ❌ „keine Lust
    ❌ „Bequemlichkeit
    ❌ „selbst schuld
    💡 Hinter häufigem Fehlen steckt fast immer eine Belastung, die man ernst nehmen sollte.

    Welche Folgen kann Schulabsentismus haben?

    Kurzfristig:
    • Lernlücken
    • sozialer Rückzug
    • mehr Stress

    Langfristig:
    • gefährdeter Abschluss
    • schlechtere Ausbildungschancen
    • mentale Gesundheit leidet
    • Freundschaften brechen weg

    Das kannst du tun

     Wenn du noch zur Schule gehst:
    ️ Vertrauenspersonen ansprechen, z. B.:
    • Schulsozialarbeit
    • Schulpsychologie
    • Klassenlehrkräfte
    • Beratungsstellen

    Wenn du schon gar nicht mehr hingehst:
    ️ Eltern informieren & professionelle Hilfe suchen. Das kann man in Familien selten allein lösen. Freund:innen können dich emotional unterstützen. Aber sie ersetzen keine Therapie.

    Warum Vermeidung es schlimmer macht

    Vermeidung heißt, dass du Situationen aus dem Weg gehst, die Angst machen oder nerven. 

    Vermeidung führt zu:
    kurzfristiger Erleichterung
    ❌ langfristig mehr Angst
    ❌ größerer Hürde beim Wiedereinstieg


    Darum ist es wichtig, den Anschluss nicht zu verpassen.

    Behandlung & Hoffnung

    Schulangst und Schulphobie sind Angststörungen, und die kann man wirklich gut behandeln. Es gibt verschiedene Wege, z. B.:

    • Therapie vor Ort
    • Tagesklinik
    • Klinik

    Und dort wird nicht nur mit dir geredet, es gibt zum Beispiel auch:
    • Gespräche mit Eltern
    • Unterricht in der Klinikschule
    • tiergestützte Angebote
    • langsamer Wiedereinstieg in die Schule
    • Unterstützung durch Schulsozialarbeit/Schulpsychologie

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    Esel
    ©unsplash.

    Wenn du mehr wissen möchtest

    Wenn du mehr wissen möchtest:
    Es gibt ein paar Filme und Reportagen, die zeigen, wie sich Schulangst wirklich anfühlt:
    „Angst vor der Schule“ Reportage über echte Jugendliche mit Schulangst, sehr nah dran.
    Eighth Grade: Spielfilm über soziale Angst, Leistungsdruck und das Gefühl, nicht dazuzugehören.