Über Geschlechtervielfalt reden – aber mit wem?
Frau? Mann? Oder gibt es da noch mehr? Über diese Frage wird in der Gesellschaft viel gesprochen und manchmal auch gestritten. Das liegt daran, dass die Einteilung in Mann und Frau immer noch als „normal“ gilt.
Allerdings übersieht diese Zweiteilung etwas Wesentliches: Wie man sein eigenes Geschlecht erlebt, kann sich stark unterscheiden und passt manchmal eben nicht in die Zuschreibung Frau-Sein oder Mann-Sein. Und das ist normal und gut so.
Leider werden Menschen, die nicht in die Vorstellung von zwei Geschlechtern passen, oft übersehen, müssen sich ständig erklären oder erleben sogar Ablehnung und Anfeindungen. Umso wichtiger ist es, dass die Vielfalt in Sachen Geschlecht besser verstanden und offener besprochen wird.
Mit wem also darüber reden?
Wir haben Yona-Yasin Steinert-Lindner gefragt. Er ist Arzt in Weiterbildung in der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Zentrum für Psychiatrie Calw – Klinikum Nordschwarzwald.
HeyCuramenta: Ich merke, dass ich nicht in die Rollenbilder und Geschlechterrollen passe, die andere von mir erwarten. Muss ich mich jetzt anpassen?
Yona-Yasin Steinert-Lindner: Viele Jugendliche kennen wie du das Gefühl, nicht so richtig in das zu passen, was andere von ihnen erwarten. Gerade beim Thema Geschlecht können die Erwartungen von außen sehr groß sein: Wie soll ich aussehen? Wie soll ich mich verhalten? Was soll ich mögen?
Und manchmal merkt man einfach, dass die eigenen Gefühle oder die eigene Art nicht zu diesen Vorstellungen passen. Das kann belastend sein, vor allem dann, wenn man dafür ausgegrenzt oder abgewertet wird.
Gleichzeitig kann es aber auch etwas sehr Schönes sein, seinen eigenen Weg zu finden und zu merken: Ich muss gar nicht so sein, wie andere mich gerne hätten. Die eigenen Besonderheiten können auch zu einer Stärke werden und ein wichtiger Teil der eigenen Identität sein.
Und ganz wichtig: Du musst dich nicht festlegen. Identität ist nichts, was man einmal für immer entscheiden muss. Sie kann sich im Laufe des Lebens verändern.
Das ist ermutigend. Doch mit wem kann ich über meine Unsicherheiten sprechen?
Wenn du merkst, dass du dich mit bestimmten von außen gestellten Erwartungen an dein Geschlecht oder deine Identität nicht wohlfühlst, kann es sehr hilfreich sein, mit jemandem darüber zu sprechen.
Am besten mit einem Menschen, der dir wirklich zuhört und nicht versucht, dir etwas vorzuschreiben. Das kann jemand aus deiner Familie sein oder eine Freundin. In der Schule können zum Beispiel Schulsozialarbeiterinnen oder Vertrauenslehrerinnen gute Ansprechpersonen sein.
Du musst dabei übrigens nicht schon genau wissen, „was mit dir los ist“. Du kannst auch einfach sagen: „Ich bin gerade unsicher und würde gerne mit jemandem darüber sprechen.“
Und wenn ich im direkten Umfeld niemanden finde?
Es gibt auch Beratungsstellen und queere Jugendangebote. Dort kannst du mit Menschen sprechen, die sich mit Fragen rund um Geschlecht und sexuelle Identität auskennen.
Auch online findest du verschiedene Angebote, zum Beispiel Lambdaspace.de, Queersupport.de oder Comingoutundso.de. Du musst mit diesen Fragen also nicht allein bleiben.
Was mache ich, wenn meine Freunde und Familie meine Zweifel nicht verstehen oder sogar ablehnen?
Wenn die Menschen, von denen man sich eigentlich Unterstützung und Verständnis wünscht, einen nicht verstehen oder sogar ablehnen, kann das sehr verletzend sein. Gerade wenn es um die eigenen Eltern oder enge Freund*innen geht.
Wenn du solche Erfahrungen machst, ist es wichtig, dir Unterstützung zu suchen und vor allem Verbündete zu finden. Sie können dir auch dabei helfen, mit deinen Eltern oder anderen wichtigen Menschen ins Gespräch zu kommen.
Gleichzeitig brauchen manche Menschen Zeit, um etwas Neues zu verstehen. Das bedeutet nicht, dass du dich verstecken oder verleugnen musst. Aber es kann manchmal auch helfen, anderen die Möglichkeit zu geben, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen.
Und eine Sache ist besonders wichtig: Nur weil andere Menschen dich nicht verstehen oder Schwierigkeiten damit haben, wie du dich selbst erlebst, bedeutet das nicht, dass mit dir etwas nicht stimmt. Du darfst du selbst sein. Du bist nicht falsch. Du musst dich nicht verändern, damit andere sich mit dir wohler fühlen.
Geschlecht ist unabhängig von sexueller Orientierung
Das Geschlecht beziehungsweise die Geschlechtsidentität sagt noch nichts über die sexuelle Orientierung aus, also darüber, zu welchem Geschlecht oder welchen Geschlechtern sich ein Mensch hingezogen fühlt – emotional, romantisch und/oder sexuell. Auch das ist für alle anders.
Wenn du mehr zu sexueller Orientierung erfahren willst, kannst du hier etwas dazu lesen.
Sexuelle Orientierung und sexuelle Identitäten
💡 Cis, inter, trans, nicht-binär? Was diese und andere Begriffe rund ums Thema Geschlechtervielfalt bedeuten, erfährst du hier.